Zeit oder nicht Zeit, das ist hier die Frage


ich schreibe,
jetzt nach meinem 2ten Arztbesuch diese Woche und es wird wohl nicht der letzte gewesen sein.

Außerdem steht diese Woche ein ganz wichtiger Arztbesuch auf der Liste - die Vorbesprechung zu meiner OP.

Anfang des Jahres hatte ich einen Unfall. In der Berufsschule.
Seitdem ist nichts mehr wie es war.
Ich bin nicht mehr die, die ich davor war. Und das wusste ich in dem Moment, als der Arzt mir sagte, dass ich um eine Operation nicht drum rum kommen würde -


























2 Stunden früher

"Ich hab mir noch nie was gebrochen, im Krankenhaus war ich auch noch nie und eine Operation hatte ich Gott sei Dank ebenfalls nicht !" prahlte ich, als wir uns in unserer sehr kleinen Mädchenrunde im Sportsaal in der letzten Sportstunde über irgendwelche We'weschen unterhielten.
Erst zwei Tage zuvor hatten wir einen Erste-Hilfe- Kurs gemacht und ich hatte die Ehre ein Referat über offene und geschlossene Brüche zu halten.
Während dieses Kurses wurden uns auch immer wieder Bilder von Verletzten, Verbrennungen und von aus Körpern herausragenden Knochen gezeigt.

Diese Bilder hatten wir auch noch nach dem Seminar im Kopf und erzählten uns von den Dingen, die uns zugestoßen sind.
Bis auf diese prahlenden Worte, hatte ich keine Geschichte zu erzählen.
Obwohl ich als Kind der reinste Wirbelwind war, von hohen Mauern gesprungen bin, jegliche Mutprobe mitgemacht habe, über Straßen gerannt bin ohne zu schauen...bis auf ein paar Schrammen bin ich immer gut davon gekommen.


Der Schulblock war schon fast vorbei. Ich hatte mir bei Sixt einen Mietwagen bestellt, den ich nach der Schule abholen wollte um dann wieder in die Heimat fahren zu können.

Wer hätte gedacht, dass diese Fahrt erst 3 Wochen später stattfinden würde?


"So Mädels, die Jungs spielen Fußball, was wollt ihr machen?"
"Traaaampoliin"
wie ein kleines Kind freute ich mich. Ich liebte das Trampolinspringen und da sich mir die Gelegenheit selten bot, war ich Feuer und Flamme.
Später war mein Knie Feuer & Flamme... zumindest was die Farbe anging, nachdem es geschah.


Ich machte Saltos, keine schönen, viel zu flach..
Ich hatte schon einige Saltos in meinem Leben gemacht.
Und doch war diesesmal etwas anders.

"Mehr Höhe...du musst höher springen und dann die Rolle in der Luft machen"  dachte ich.





























Aber die Wahrheit war, ich habe mir selbst nicht vertraut!
Ich erinnere mich noch genau wie diese Sekunden war, die ich hoch oben verbrachte und zunächst auf die Decke starte bevor ich die kickenden Jungs wahrnahm.

Hilfe...Ist das hoch...Aber Höhenangst? Ich und Höhenangst? Das Mädchen, dass als abgebrochener Gartenzwerg vom Plateau über den Bach ( und der war so breit wie das Meer ) gesprungen ist?

Nein, ich will runter, sofort..nur noch runter. Ich will diesen Salto nicht mehr machen, ich will auf den Boden zurück.
Und da war er, der Trampolinboden. in greifbarer Nähe.
Ich erreichte ihn, aufgekommen auf dem sicheren Grund.

Aufgekommen mit einem Knacken, was auch meine Mitschüler noch hörten
Okay...das hat sich nicht gut angehört...irgendwas ist da kaputt gegangen.
Ich liege auf dem Trampolinboden, in der Stellung in der ich angekommen bin.
Autsch...was..was...what happened?

Mein Lehrer, der Mike fragte mich " Maria können Sie sich bewegen?"
" Ehm...nein!"

Dann schleppte er mich, wie Superman zur nächsten Bank und sagte " So, dann warten wir jetzt mal 3 Minuten, wenns dick wird oder sonstige Farben annimmt, rufen wir den Krankenwagen!"

Ich konnte ihm ein weites Spektrum an Farben bieten.
Keine 5 Minuten später war dann auch der Krankenwagen da.
Mit einer Trage ebneten sich die Sanitäter den Weg durch den Flur.
Auf dem Schulhof standen schon die ersten Schaulustigen und blöde Kommentare gab es auch " Die simuliert doch eh nur!"

Ich wünschte ich hätte simuliert.


Zusammen mit Daniel meinem Klassenkamerad fuhren wir dann ins nächstgelegene Krankenhaus und da durfte ich dann vom Röntgen ins MRT- eine halbe Stunde lang lag ich in der Röhre, kam zur Ruhe. Als die Krankenschwester mich wieder abholte verzog sie ihr Gesicht..
" Was hab ich denn?"  - " Das soll Ihnen am besten der Doktor sagen...es ist auf jeden Fall was kaputt!"

Na toll.. es ist "was" kaputt

..und vom MRT ins CT.

"Sie kommen um eine OP nicht herum - Sie haben einen komplizierten Schienbeinkopfbruch, sie können sich das so vorstellen, durch den tiefen Fall ist der Oberschenkelknochen mit voller Wucht auf den Unterschenkelknochen geknallt, was daran lag, dass Sie auch in einer Fehlstellung auf dem Trampolinnetz wieder aufkamen, das hat sie ja dann wieder hochschleudern wollen und so haben enorme Kräfte auf diesen Punkt gewirkt.
Sie haben jetzt quasi eine Stufe im Knochen und das wächst nicht mehr normal zusammen ohne OP."


Jawohl! Wie war das bitteschön? Einmal Bruch, Krankenhaus und OP zum mitnehmen bitte !
Hatte ich nicht eine Stunde vorher indirekt nach einer "Story to tell" gebeten?




Da hatte ich Sie.
Danke Schicksal !

Meine Verwandten holten mich ab, brachten vorsorglich schon Krücken mit.
Diese sollten mich 4 Monate begleiten.



Krankenhaus.

Nein, ich vermisse es nicht.
Die Dame am Empfang war so unfreundlich als wolle sie damit einen Preis gewinnen.
Der Doktor, der mich aufnahm machte mir mit seinem schwarzen Humor nur noch mehr Angst " einer von hundert bekommt das Bein amputiert in diesem Fall!"

Und das vegane Essen stellte sich als Fehlinterpretation der Küche heraus.  Eibratling mit Kartoffelpuree und Rahmspinat.

Ein Dreier-Zimmer.
Eng aneinander gepfercht. Aber die, die mir am liebsten war lag am anderen Ende des Zimmers.

Aufstehen höchstens 2 mal am Tag, 4 Meter, zur Toilette und zurück.
Das Krankenhausleben eben.
Das was viele von euch sicher schon kennen, für mich aber totales Neuland war.

Mein einziger Trost, die Besuche meiner Freunde, die den Weg von Trier nach Düsseldorf auf sich genommen haben, meine Zimmermitbewohnerin Otti, die mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zauberte,die Care-Pakete ( DANKE LAURA & CORINNA ! ) und die Gewissheit, dass die Tage gezählt sind und alles irgendwann vorbei sein wird.


Immer wieder wurde ich vertröstet, was meinen OP-Termin anging.
Doch dann kam er. Der Tag.
Morgens um 7 wurden mir die OP-Sachen gebracht.... Jede Sekunde starte ich auf die Tür und wartete auf meine Abholung.
Eine halbe Stunde vorher wollte man mir eigentlich eine Beruhigungstablette geben...aber es kam niemand.

Und dann kam da dieser nette Abholdienst. Um 14 Uhr.
Fuhr mich samt Bett in den OP Bereich.
Einfach so.
Jetzt schon?


Ich hyperventilierte, war so voller Panik. Ich weiß, das klingt so dramatisch aber ich hatte Angst wie noch was.
Ein bisschen war das wie Sterben für mich.
Unter Vollnarkose sein, nicht wissen, was da mit einem geschiet...und wacht man wieder auf?

Die Ärzte im OP waren gechillt, die machen das oft !

Irgendwann schloss ich meine Augen und begab mich in die Hände der Ärzte, in die Hände von Gott.


Ein Blackout später und Zehntausend Schmerzen mehr war ich wieder wach. So halb. Der Oberarzt, der mich operierte sagte " 1A verlaufen !" Ich war noch nicht ganz da, aber die Schmerzen waren es - Die ganze Nacht, bis die rettende Spritze kam.


Am nächsten Tag sollten die Schmerzen noch getoppt werden ( bitte den Absatz überspringen, da ich sehr bildhaft beschreibe )


Das Ziehen der Redongs ( Schläuche die in den Wunden hängen um das Blut abfließen zu lassen, damit keine Blutergüsse entstehen, bzw. nicht übermäßig große.)
" Mit welchem Schlauch sollen wir anfangen? Oder sollen wir alle auf einmal ziehen?"
" Am besten alles sofort weg !...aber spritzt das nicht?"
Ja.
Das war mit Abstand das Härteste. Ein Schlauch, der sich unter der gesamten frischen Narbe befindet wird rausgezogen..unter der Haut...unter den frischen Nähten. Aua...



Dann kam das Kontrollröntgenbild.
Am nächsten Tag bei der Visite gab es dann schlechte Nachrichten.
"Die Schrauben sind leider zu groß...Die schauen zuviel aus dem Knochen raus..das kann Probleme geben, muss aber nicht !"

Am Boden.

Da dachte ich, ich hätte das Schlimmste überstanden und dann sowas.
"Und wann weiß ich, ob die Probleme machen?"
"Wenn Sie wieder gehen können.."

Dann kam Frau XY in unser Zimmer. Ich habe Sie und ihren Namen verdrängt, da das was sich diese Dame geleistet hat einfach widerlich war.
Ich mag es nicht, wenn man Mitmenschen, die sich zudem im selben Raum aufhalten, als Menschen zweiter Klasse deklariert, nur weil Sie nicht auf der Privatstation liegen.

Die Luft wurde immer dünner, ich hatte das Gefühl nicht mehr atmen zu können.
Ich musste raus. Nach Hause.



Die Tatsache, dass ich einfach nichts mehr alleine machen konnte, machte mich fertig.
Die einfachsten Sachen, sich ein Glas Wasser holen, essen kochen, auf Toilette gehen, duschen...ich konnte nichts alleine.

Eine harte Probe für mich, denn ich war immer selbstständig, wollte mir nie helfen lassen, kein Balast für andere sein. Jetzt war ich einer.

Meine Verwandten und Freunde kümmerten sich liebevoll um mich und gaben meinem Negativ-Denken oft einen Arschtritt. 4 Monate lang.

Ständig musste ich daran denken, was wohl alles passieren könnte, was ich jetzt nicht mehr tun kann.
Hach ich war schon ein armes Schwein und keiner verstand es.


Nein ich verstand es nicht.
Mein Körper hatte mich zur Ruhe gezwungen. Ich MUSSTE liegen, ruhen, Pause machen.
Zuvor war ich nur unterwegs, hab gearbeitet, gearbeitet und gearbeitet und vergessen, dass es neben der Arbeitsmaria auch eine Lebensmaria gibt.

Ich liebe meinen Job über alles. Nichts bereitet mir soviel Freude.
Aber das man sich selbst übergeht für andere ( und das habe ich zu oft gemacht ) das durfte ich nicht mehr und das wurde mir gezeigt.
Ich hörte wieder, wie mein Herz schlug. In meinem Takt und nicht im Takt der Zeit oder des Terminkalenders.
Mein Terminkalender war voll und auf einmal war er leer.

Jetzt war Zeit, auf sich selbst zu schauen. Und da entdeckte ich einige Dinge, die mir vorher sicher nicht aufgefallen wären..die ich übersehen hätte im Stress des Alltags.
Dinge die gesehen werden wollten.


Diesen Monat steht meine zweite OP an. Die Schrauben machen Probleme. Manchmal mehr, manchmal weniger, aber die Einschränkung durch die Schrauben kann ich nicht noch länger ertragen.
Sich nicht hinknien können, nicht laufen, nicht tanzen, keinen Sport machen können...das alles fehlt mir ungemein und hat mich langsamer werden lassen.

Es war wohl Zeit um die Zeit noch einmal zu überdenken.
Ich sollte runterkommen, entschleunigen.

Und auf mich achten.
Der Körper ist unser Haus in dem wir leben, solange wir leben. Beschütze ihn vor Wind und Wetter.

Ich habe vieles gelernt in der letzten Zeit und meine Arbeitsweise neu überdacht.
Mir fiel es schwer schnell zu antworten, meinen blog auf dem neusten Stand zu halten oder mich gezielt um Freundschaften zu kümmern.
Ich musste mithalten, irgendwie und doch ging es nicht.

Schön war es da zu sehen, wie viel Verständnis die Kunden einem entgegen brachten und wie toll die Zusammenarbeit war, wenn man gemerkt hat, dass der Gegenüber Rücksicht nimmt.



Ich hoffe bald wieder tanzen zu können, körperlich wieder zurückzukehren.
Aber ich werde nie vergessen, was ich gelernt habe und werde mein ganzes Leben zurückschauen auf die Zeit, die mir beibrachte, sich Zeit für sich zu nehmen.

Nein ich bin nicht mehr die Maria, die ich vorher war.
Ich bin um einige Erfahrungen reicher, die mich in meinem Leben wahrscheinlich weiter bringen werden als zuvor.





























Kommentare

  1. Ein super Post.. klasse, wie du über das Passierte geschrieben hast und daraus auch etwas lernen konntest.. Die 2. OP wird bestimmt nicht mehr ganz so schlimm - Positiv denken, denn die Arbeit kann warten, aber das Leben nicht! :) Gute Besserung!

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